Vor ein paar Tagen habe ich meinen letzten Nachtdienst absolviert. Am Abend davor war Stationsweihnachtsfeier. Sowas hat noch mal einen ganz anderen Charakter, wenn man weiß, man ist in einem Tag nicht mehr da. Schon noch da, aber nicht mehr dort, nicht mehr Teil des Teams. Und dann ist da noch dieses Mitarbeiterappartement, sodass mein Aufhören verknüpft ist mit einem Umzug. Einräumen, transportieren, ausräumen, Endreinigung … ihr kennt das. Und dann ist da noch die Uni. Das alles zusammen ist ziemlich viel. Dabei wollte ich mir eigentlich die Zeit nehmen, diesen Abschied und Neuanfang in Ruhe zu zelebrieren. Die Ruhe muss ich dabei wohl ein bisschen streichen und vermutlich zieht sich das alles nun etwas in die Länge, aber macht ja nichts. Wird es halt erst mal eine kleine Artikelreihe dazu, nach und nach, Stück für Stück.

Mich hat noch nie ein Abschied so beschäftigt wie dieser hier nach 2,5 Jahren. Wobei die anderen Abschiede begleitend jetzt natürlich auch wieder in meinem Kopf aufplöppen. Aber der hier, der ist seltsam und ich finde ihn traurig. Auf mehreren Ebenen. Und darüber will ich reden, darüber will ich bloggen. Und vielleicht, vielleicht kennt das ja sogar jemand von euch so oder ähnlich aus eigener Situation?

Wo bin ich denn nun weg?

Alte Hand hält junge HandVor 2,5 Jahren habe ich in der geriatrischen Rehabilitation angefangen. Ist nun nicht neu für mich, immerhin mache ich seit fast 20 Jahren nichts anderes als Geriatrie. Akutklinik, Modellversuch geriatrischer Palliativpflege, Frührehabilitation (Komplexbehandlung, GFK … wie immer ihr sie nennt), da ist die geriatrische Anschlussheilbehandlung nun auch nicht weit weg.

Kommt vielleicht höchstens ein bisschen auf das Bundesland an. In NRW beispielsweise ist es mit der geriatrischen AHB nicht weit her, da gibt es wenig Plätze. Dafür jede Menge Frühreha. In Bayern ist es sozusagen umgekehrt. Na, nicht ganz, aber das Verhältnis ist da schon ein ganz anderes. Was auch zu einer ganz unterschiedlichen Wahrnehmung und Akzeptanz von geriatrischer Frühreha und AHB führt, bei allen beteiligten Personen inklusive Patienten und Angehörigen. Aber das ist wohl eher ein separates Thema.

Und wo gehe ich hin?

Im Januar wechsle ich in die geschlossene Gerontopsychiatrie. Das ist irgendwie auch wieder mein Bereich und dann aber doch etwas völlig Neues.

Psychiatrische Aspekte hat man in der Geriatrie eigentlich immer. Die Zahl der an Demenz Erkrankten steigt sowieso ständig an, aber auch Depressionen und schizophrene Störungen sind nicht selten. Übrigens habe ich den letzten Jahren erstmals Kontakt zu alten Patienten nach versuchtem Suizid gehabt. Mehrfach. Entweder hat das vorher keinen interessiert bzw. es wurde nicht kommuniziert, oder das nimmt zu. Ich weiß es nicht.

Die Patienten in der (Früh)rehabilitation sind aber in der Regel stabil. Sie sind irgendwie medikamentös eingestellt oder weisen leichte Erkrankungsformen auf, mit denen es sich rehamäßig noch gut arbeiten lässt. Die Praxis sieht da auch zeitweise wieder anders aus, aber auch das ist ein anderes Thema.

In der geschlossenen Gerontopsychiatrie ist aber wohl mal nix kompensiert in irgendeiner Form. Bislang habe ich lediglich Patienten aufgenommen, die nach längerem Aufenthalt dort DANN als rehafähig galten.

Warum wechsle ich überhaupt?

Diese Frage beinhaltet eigentlich den Knackpunkt und den Hintergrund dessen, warum mich dieser Abschied so beschäftigt.

Vielleicht erinnert ihr euch ja an meinen Artikel zu meiner Vision?  Den habe ich vor 14 Monaten geschrieben. Und in dieser Zeit hat mein Arbeitsumfeld sich in gänzlicher Passivität alle Mühe gegeben, mir diese Vision kaputt zu machen.

Exkurs: Meine erste Kündigung

Meine erste Stelle hatte ich nach 13 Jahren Unternehmenszugehörigkeit gekündigt. Das fiel mir damals echt schwer, war ja irgendwie eine Art (Arbeits-)Zuhause, zumal ich schon in meiner Ausbildungszeit dort einen Einsatz absolviert hatte.

Ich bin also niemand, der sofort das Handtuch wirft. Aber ich habe mir damals auch geschworen, dass ich mich niemals verheizen lasse, zum Beispiel als alleinige Nachtwache ohne Springer in der Akutgeriatrie für bis zu 45 Patienten, die teils in Zimmern oder auf dem Flur zugeschoben sind. Und dann noch Tabletten stellen, Tropfen und morgendliche Infusionen richten, Apotheke handschriftlich bestellen etc. – auch das kennt ihr sicher. Interessanterweise waren das Zustände, die mich haben zweifeln lassen, aber sie waren nur Teil meiner letztlichen Kündigungsabsicht. Dass es dort nicht weitergeht wurde mir erst klar, als der Chefarzt in der QM-Sitzung, als die bestehenden Defizite, gerade im Hinblick auf das bestehende Leitbild,  thematisiert wurden meinte: „Dann pflegen wir eben nicht mehr herausragend, sondern nur noch ausreichend.“

Das wurde so salopp ausgesprochen und zustimmend abgenickt, dass es mir den nötigen Schubs gegeben hat. Habe ich auch nie bereut.

Exkurs: Die heile Welt meiner letzten Stelle

Die Arbeitssituation dort, wo ich nun weg bin, gestaltet sich ganz anders. Und, ehrlich: Im Vergleich ist sie dort auch deutlich besser, was Auslastung und Besetzung betrifft. Alles andere wäre gelogen. Das ist alles schon noch sehr viel näher dran an dem, was ich von vor 15+ Jahren kenne, sehr viel menschlicher. Und das Pflegeteam ist dort wirklich außergewöhnlich. Da merkt man schon an den Übergaben, dass sich jede(r) Gedanken um die einzelnen Patienten macht, da werden pflegerische Maßnahmen aus Interesse geplant und nicht, weil sie irgendwo auf dem Papier stehen müssen. Natürlich ist die Welt auch da nicht perfekt und so, logisch, aber diese Form der Professionalität und des aktiven Interesses an den Leuten, mit denen man arbeitet, das finde ich schon bemerkenswert. Und ist es toll, mit so einem Team zu arbeiten. Hat mich auch lange über Wasser gehalten.

Ave Antonovsky

Maslow-Pyramide

Maslow-Pyramide

Man lernt ja so einiges im sozialen Bereich. Zum Beispiel die Bedürfnispyramide nach Maslow. Ich zeige hier mal die englische Variante, weil ich keine deutsche frei einsetzbar in gescheiter Auflösung gefunden habe, aber ich denke, ihr kennt die Bedürfnispyramide sowieso.

Nun gibt es ja die unterschiedlichsten Theorien und Modelle, sowohl in der Pflege und bezogen auf Pflegebedürftige, als auch im Hinblick auf Mensch und Gesellschaft an sich. Mein persönlicher Favorit ist seit vielen Jahren das Modell der Salutogenese von Antonovsky.

Er hat diesen Begriff als Gegenentwurf beziehungsweise Ergänzung zur Pathogenese entwickelt, auf die sich ja leider unsere aktuelle Medizin so stützt. Wir suchen ja nach Symptomen, nach Defiziten. Antonovsky hingegen suchte nach Dingen, die einen Menschen gesund erhalten können. Dazu gehört auch, stressige Dinge handhaben zu können. Mittelpunkt des Ganzen ist das sogenannte Kohärenzgefühl, das aus 3 Faktoren besteht:

Verstehbarkeit = kognitives Begreifen der Umwelt

Handhabbarkeit = Wie Probleme gelöst werden können oder für lösbar gehalten werden

Bedeutsamkeit = emotionaler Anteil, Sinn des Tuns erkennen (–> Herausforderung statt Belastung)

Ich mag dieses Modell, weil ich es für den Alltag für jeden so verständlich, einfach und zugleich so wichtig finde.

Und es hilft mir sogar jetzt, meinen Stellenwechsel zu erklären, denn es hapert extrem an Bedeutsamkeit für mich.

Kleine Dinge, große Wirkung

Im Grunde ist es nichts anderes als das, was ich in meinem Visionsartikel schon geschrieben habe. Aber mal anders betrachtet:

Ja, die Zeiten sind schlecht, wir haben Pflegenotstand, alles ist schlimm und wird ohnehin noch viel schlimmer. Soweit, so schlecht.

Trotzdem habe ich es in meinem bisherigen Berufsleben immer auf die eine oder andere Weise geschafft, am Ball zu bleiben und meinen Beruf gerne auszuüben. Ich mag den wirklich und ja, ich würde ihn auch tatsächlich noch mal erlernen, wenn ich die Wahl hätte.

Das liegt nicht daran, dass ich die Augen vor allem verschließe. Ich sehe die Probleme, und auch ich blicke durchaus sorgenvoll in die pflegerische Zukunft. Ich weiß aber auch, dass es oftmals kleine Dinge sind, die etwas bewirken können. Ob nun organisatorisch, kollegial, patientenorientiert oder individuell. Und das macht in Summe eine ganze Menge aus, finde ich. Man muss nicht gleich die ganze Welt retten. Kann man auch nicht. Soviel zur Verstehbarkeit.

Hä? Bedeutsamkeit?

MegafongebrüllIm vergangenen Jahr habe ich erlebt, dass meine Arbeit drastisch an Wert verliert, an Bedeutsamkeit also. Natürlich gibt es Lippenbekenntnisse, wie wichtig doch der pflegerische Anteil an allem sei. Aber sie sind eben genau das: Lippenbekenntnisse. Beobachtungen seitens des Pflegepersonals werden nicht (mehr) beachtet, werden abgetan. Unterhaltungen im Rahmen dessen, was ich so sehr schätze – dem multiprofessionellen Team -, sind äußerst selten geworden. Dafür gibt es Anordnungen auf Zuruf, gerne auch quer über den Gang, oder auch mitten während eines Gesprächs mit Dritten, zum Beispiel Angehörigen, dem Sozialdienst, oder auch während der Übergabe.

Was? Die Pflege findet, ein Patient sei nicht rehafähig, weil … Pff, was weiß die Pflege schon? Die sind doch nur zu faul, sich um den Patienten zu kümmern.

Was? Die Pflege findet, bei dem Patienten sei dieses oder jenes vielleicht sinnvoll, Arzt/Ärztin mögen sich das doch bitte mal genauer ansehen? Pff, was weiß die Pflege schon? Sowas muss man sich doch nicht ansehen, weil die Pflege das meint. Also bitte! Da ordnet man eher noch ein paar Vitamine an, oder noch besser: Tee. Oder nein, am besten eine warme Milch mit Honig. Ja, das bringt sicher alles ins Lot. Und da man sowas auf Zuruf macht neuerdings, kann man die freie Zeit besser damit nutzen, ein paar übergriffige Sachen anzuordnen: „Pat. Socken anziehen, ist kalt“ oder „Pat. ganztags mobilisieren“ (really?) oder auch mal „Pat. Haare waschen“ .

Was? Die Pflege hat einen RTW gerufen, bevor der Dienstarzt vor Ort ist, um das anzuordnen? Nur wegen einer massiven GIT-Blutung? Da gibt es erst mal einen saftigen Anschiss und die Information, dass der Pflege sowas nicht zustehe. Das sei Arztsache. Aufgabe der Pflege wäre es, das Viggo-Tablett zu richten und die Kopien für eine Verlegung anzufertigen. Auf dem Kopierer, den es nur im Arztzimmer gibt. Dem abgeschlossenen Arztzimmer, versteht sich.

Es ist nicht möglich, all solche Dinge vollständig aufzulisten. Da ist zu vieles, etliches auch zu komplex. Das wäre wohl auch dünnes Eis. Aber es sammelt sich. Und es führt dazu, dass man sich fragt: Wozu das alles?

Raus aus dem Stillstand

Habe ich dafür eine 3-jährige Ausbildung absolviert, stetige Fort- und Weiterbildungen? Wohl kaum.

Neue Dinge anstoßen … zum Scheitern verurteilt. Muss man mal sehen, kann man mal drüber reden, mal gucken. Vielleicht. Demnächst. Eventuell. Oder so.

Am schlimmsten waren im Nachhinein aber die konfrontierenden Gespräche. Einmal, weil sie deutlich zeigten, wie wenig Intellekt man Pflegenden zutraut, wenn man ihnen mit ominösen Argumenten oder gar hanebüchenen Einschüchterungsversuchen begegnet. Und dann, wenn man irgendwann merkt, dass die Probleme darauf fußen, dass nicht wirklich zugehört wird, und dass die Interpretation des Gesagten noch vor dem Ende desselben erfolgt. Und das ist eine Interpretation von Pflege an sich, die nicht mehr in dieses Jahrhundert gehört. Es ist egal, was man sagt, wie man argumentiert, was man vorbringt. Es scheitert tatsächlich am Verständnis. Auf ganzer Linie. Wie traurig.

Es macht auch gar keinen Sinn, an so einem Punkt überhaupt weiter zu diskutieren, weiter zu argumentieren, weiter zu kämpfen.

Und so scheitert alles an der Bedeutsamkeit.

An der gefühlten, für mich, an der wahrhaftigen, an sich.