Der Sektor der Geriatrie boomt. Manche brauch(t)en ein bisschen länger als andere, um das Potenzial dieser Fachrichtung zu erkennen. Einige haben es immer noch nicht begriffen. Manche wollen es auch gar nicht begreifen. Hat mit Geld zu tun. Wie meistens.

Neben der geriatrischen Akutklinik gibt es drei „Formen“ der geriatrischen Rehabilitation: Frührehabilitation, geriatrische Rehabilitation und geriatrische Anschlussheilbehandlung.

Die Anfänge der geriatrischen Strukturen

Auch wenn die Geriatrie noch eine junge selbstständige Disziplin ist, ist sie bei weitem nicht so jung, wie viele annehmen. Tatsächlich gab es in Deutschland bereits in den 1980er Jahren die ersten rein geriatrischen Strukturen (Albertinen Hamburg, Geriatriezentrum Essen/NRW).

Hintergrund war es damals noch, den besonders pflegebedürftigen und alten Menschen eine separate Versorgung zukommen zu lassen. Hintergrund hierbei war sicherlich die Erkenntnis, dass hochbetagte Menschen einer anderen Medizin, Therapie und Pflege bedürfen. Reine Menschen- oder spezielle Altersfreundlichkeit steckte hingegen nicht dahinter. Immerhin sind alte Patienten oft solche, die den „normalen“ internistischen Ablauf „stören“.

Für mich persönlich steht das gänzlich ohne Wertung. Viele Ärzte wollen eben lieber heilen statt lindern, Therapeuten wollen andere Dinge als tägliche Gangschule, Pflege will andere Dinge als vollständige Übernahme der Pflege. Zu erkennen, dass man für die Versorgung alter Menschen auch ein Team braucht, das eben diese Versorgung will und etwas daraus zieht, finde ich völlig in Ordnung, zumal es letztlich auch jeder Partei inklusive den Patienten zu Gute kommt.

Also spaltete man hier und da geriatrische Stationen von internistischen ab. Im Grunde war das alles Akutversorgung, die da stattfand, aber im geriatrischen Bereich gab es immer schon einen gewissen Mix an Bedürftigkeit. So gab es auch damals beispielsweise schon Aufnahmen wegen „Infekt der oberen Atemwege“ oder „Obstipation“ , die nun nicht unbedingt akut medizinisch waren. Da waren dann Leute überfordert, darin steckte ein Hilferuf. Oftmals kam der von überforderten pflegenden Angehörigen. Hier leistete man in der Geriatrie also eine Art anderer erster Hilfe, nämlich in erster Linie in sozialer Hinsicht: Beratung, Entlastung, vielleicht Heimplatzsuche oder ein „Aufpäppeln“ .

DRG-System ab 2003

Geriatrie ist tollJa, ich war schon vor dem DRG-System in der Geriatrie tätig. Und anfangs war die Umsetzung des DRG-Systems mehr ein Rätsel als irgendwas anderes. Man sollte also Dinge nachweisen. Gut, damit stieg der bürokratische Aufwand ein bisschen an, aber anfangs ging das durchaus noch. Alles andere war eigentlich kein Mehraufwand, denn es gab ja wirklich faktisch schon implementierte Therapien und ein bestimmtes Vorgehen.

Wo ich tätig war, gab es auch vorher schon wöchentliche Fallbesprechungen im multiprofessionellen Team. Und an jedem Bett gab es eine kleine Magnettafel an der Wand, auf der rote Magnete angaben, welche Therapien der Patient dort – zumeist täglich – erhielt.

Nach dem neuen System musste man das nun also genauer aufschreiben. In Ordnung.

Geriatrische Pflege hat das Nachsehen

Mit diesen Nachweisen fing aus meiner Sicht – speziell auf dieses Thema hier bezogen – gleich schon der Abstieg des Pflegeansehens an.

Plötzlich war Pflege nämlich der einzige Bereich, der außerhalb der multiprofessionellen Häkchen stand. Jeder hatte sein Feld auf den jeweiligen Formularen, nur die Pflege nicht. Die Pflege hatte natürlich ihre gesamte Mappe mit Berichten, mit etlichen Handzeichen und so weiter, aber es gab keine Handzeichen auf den speziellen Nachweiszetteln, die es damals gab, zu machen.

Ja, im Nachhinein betrachtet sehe ich das tatsächlich als Problem an. Als eines, das den Blickwinkel verschoben hat. In der Regel unbewusst, eher unterschwellig, aber existent.

Irgendwann später überlegte man sich, dass Pflege ebenfalls Therapien nachweisen könnte. Beispielsweise sollten wir das Anwenden von Kühlelementen auf dem allgemeinen Nachweiszettel eintragen. Hintergrund dessen war aber nicht, die Pflege wieder mehr aus ihrem Abseits zu holen. Vielmehr stand die Absicht dahinter, auch ganz sicher die vorgeschriebene Anzahl an „Therapien“ im Verweilzeitraum des Patienten (z.B. 30 Therapieeinheiten in 21 Tagen) zu gewährleisten. Ungut.

Yay, aktivierend-therapeutische Pflege

Irgendwann hieß es dann, man müsse aktivierend-therapeutische Pflege nachweisen. Das war dann schon der Bereich der Frührehabilitation. Dort fordert man neben einem Geriater, mindestens zwei verschiedene Therapiebereiche (aus Physiotherapie, Physikalischer Therapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie/Neuropsychologie), der wöchentlichen Fallbesprechung, einem sozialen Assessment zum Status in mindestens 5 Bereichen und einem standardisierten geriatrischen Assessment in mindestens 4 Bereichen (Mobilität, Selbsthilfefähigkeit, Kognition, Emotion) dann auch „aktivierend-therapeutische Pflege durch besonders geschultes Pflegepersonal“ . Fallkosten

Ist das nicht toll?

Geht so.

Professionelle Pflege ist eigentlich immer aktivierend. Egal, auf welcher Grundlage man professionelle Pflege erlernt hat (zum Beispiel eher nach Juchli oder nach Krohwinkel), ist das Aktivieren von Patienten der Mittelpunkt des Ganzen. Es geht darum, Ressourcen zu erkennen, sie bewusst zu machen, sie zu nutzen, mit ihnen zu arbeiten. Ich habe Mitte der 1990er Jahre meine Ausbildung angefangen, und da war all das zentral. Pflegeplanungen in Anleitungs- und Prüfungssituationen waren der Standard, immer nach dem Schema: Problem, Ressourcen, Ziel, Maßnahmen.

Dass man ein „therapeutisch“ dazu setzt, macht das Ganze dann plötzlich irgendwie sinnvoller, meint man. Es symbolisiert, dass professionelle Pflege eben auch ein Heilberuf ist. Dass professionelle Pflege selbst 24 Stunden täglich entscheidend zum Befinden des Patienten beiträgt. Und zwar nicht durch Bettenmachen und Handtuchwechsel, sondern durch pflegerische Interventionen verschiedener Art.

Wikipedia meint dazu:

Die Therapie (altgriechisch θεραπεία therapeia „Dienst, Pflege, Heilung“) bezeichnet Maßnahmen zum Behandeln von Behinderungen, Krankheiten und Verletzungen aufgrund einer zuvor erlangten Diagnose.

Ziel des Therapeuten ist die Ermöglichung oder Beschleunigung einer Heilung, die Beseitigung oder Linderung der Symptome und die Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Funktion.

Hervorzuheben, dass professionelle Pflege eben dies leistet, mag also nett gemeint sein, ist aber eigentlich völlig überflüssig. Professionelle Pflege ist nämlich immer aktivierend-therapeutisch.

Daraus ergaben und ergeben sich aber zwei Aspekte:

  1. Wenn das aktivierend-therapeutische Pflegen besonderer Schulung bedarf gemäß der Anforderungen, leitet sich daraus ab, dass professionelle Pflege eben nicht grundsätzlich aktivierend-therapeutisch ist. Es handelt sich also nicht um eine Aufwertung, sondern letztlich eher um eine Abwertung. Für einen Beruf, der ohnehin schon ewig um Anerkennung kämpfen muss (zumindest in Deutschland).
  2. Wenn es besonderer Schulung bedarf, dann muss die ja auch irgendwer anbieten, gell? Wie gut, dass der Bundesverband Geriatrie dazu was entwickelt hat.

Auf diese Entwicklung (ZERCUR®) gehe ich in gesonderten Artikeln später noch mal ein. Ich selbst habe bislang sowohl die Basisweiterbildung absolviert, die 180-stündige Zusatzqualifikation erworben und schließe demnächst die 520-stündige Fachweiterbildung ab.