In den ersten sechs Semestern des Studiums befassen wir uns jedes Mal in einem Modul mit dem Thema Praxisreflexion.

Nachdem ich gleich im ersten Semester schon dachte „Das sollte jeder machen – regelmäßig!“, dachte ich, ich widme dem Ganzen mal einen Blogartikel.

Was ist Praxisreflexion?

StudierfischEs gibt im Grunde nicht die Praxisreflexion. Man nimmt im Kern Situationen aus der Praxis und denkt dann über diese nach. Also im Grunde das, was wir fast alle regelmäßig ohnehin tun, nur nicht unbedingt in strukturierter Form. Und die Struktur des Ganzen macht letztlich den Unterschied, um in irgendeiner Form voran zu kommen beim (Nach)denken.

Über etwas nachzudenken, es eben zu reflektieren, ist generell im Leben sehr wichtig. Soweit sind wir uns wohl alle einig.

Aber was „bringt“ es, über Praxissituationen nachzudenken? Man kann doch eh nichts ändern, oder?

Das ist genau das, was mir tagtäglich an Feedback begegnet, diese resignierende Haltung. Das beziehe ich jetzt nicht mal allein auf den Bereich der Pflege, sondern auf den generellen Alltag. „Man kann ja nichts machen“ , „das ist eben so“ .

Das steht von der Haltung her übrigens ziemlich genau da, wo wir auch „Das haben wir immer schon so gemacht“ finden können.

Die Politiker machen, was sie wollen, als Einzelperson kann man eh nichts ausrichten gegen Ungerechtigkeit und überhaupt, in Afrika verhungern Kinder.

Wer mich kennt weiß, dass ich dieser Haltung auf ganzer Linie und mit voller Inbrunst widerspreche. In jeder Hinsicht.

Und wozu nun Praxisreflexion?

Es bringt in der Tat wenig, wenn man über eine Situation nachdenkt und genau dort stehen bleibt. Man dreht sich im Kreis, kommt nicht weiter.

Hier kommt dann die Struktur der Reflexion zum Tragen.

Indem man seiner Reflexion Struktur verleiht, wird man aufmerksam auf Fehlerquellen, auf beteiligte Personen – und auch auf Lösungen.

Es geht erst mal darum zu sehen

WER macht etwas?

WIE machen die einzelnen Leute etwas?

WARUM machen die beteiligten Leute etwas?

Daraus ergeben sich dann immer weiter Fragen. Auch die schaut man sich mal genauer an und sucht nach Antworten.

Und in letzter Instanz entwickelt man Lösungsvorschläge und Alternativen.

Aber die Situation ist doch vorbei?

Richtig, allerdings haben wir es oft mit wiederkehrenden Problemen zu tun.

Wenn eine solche oder ähnliche Situation in der Praxis also noch mal auftritt, hat man schon ganz anderes Handwerkszeug parat, um darauf zu reagieren.

Und wenn man es wirklich nicht ändern kann?

Die Frage hierbei ist natürlich immer, wie definitiv es ist, dass keine Änderung möglich ist.

Gibt es, gar keine Frage. Habe ich selbst gerade zu Genüge erlebt. Wichtig ist, es auf jeden Fall erst mal zu versuchen.

Es gibt verschiedene Optionen:

  1. Vielleicht wird man überrascht, und es klappt doch und man bewirkt Änderungen. Wichtig hierbei: Durch die vorherige Reflexion hat man bessere Argumente. Man hat eine klare Vorstellung von dem, was da passiert, warum und durch wen. Und damit hat man schon einen guten Ansatzpunkt.
  2. Man kann wirklich nichts verändern und lebt zukünftig damit. Durch die Reflexion und den nachfolgenden Versuch ist man aber nicht mehr in dieser resignierten Opferrolle, sondern kann zukünftig neutraler mit dem Status Quo umgehen. Er belastet einen nicht mehr (so). Hier ist wichtig zu sehen, warum man letztlich nichts verändert hat. Sind es beispielsweise bauliche Gründe, ist es eben, wie es ist und man arrangiert sich damit.
  3. Man kann wirklich nichts verändern, sondern verändert sich selbst. Wenn man es versucht hat, in welchem Umfang nun auch immer, und dann feststellt, dass sich nichts ändern lässt, wegen Desinteresse beteiligter Parteien beispielsweise, dann ist das frustrierend. An diesem Punkt sollte man sich die Frage stellen, wie groß der Frust an der Stelle ist. Wenn es „nicht so schlimm“ ist, sind wir wieder bei Punkt 2. Wenn es hingegen einen so massiven Frust hervorruft oder sich ein Gebilde aus x nicht zu ändernden, aber frustrierenden Situationen ergibt, sollte man sich fragen, ob man dort, wo man sich gerade befindet, richtig aufgehoben ist.

Was ist richtig und falsch?

Bei der Einordnung wie eben gerade gelistet ist eigentlich nicht entscheidend, wer „Recht“ hat und wer nicht, sondern da spielt die individuelle Bewertung eine große Rolle.

Was für den einen wenig frustrierend ist, kann bei einem anderen schon ganz anders aussehen.

Relevanter hingegen ist die Einordnung im Bereich der Reflexion selbst. Das bringt uns wieder zurück zur Struktur des Ganzen, und damit dazu, wie man so eine Reflexion (beispielhaft) umsetzt.

Aufbau einer Praxisreflexion

Im Rahmen des Studiums lernen wir verschiedene Formen der Reflexion kennen. Der Kern des Ganzen lässt sich aber sehr leicht runterbrechen:

Denk an irgendeine Situation aus dem Pflegealltag. Meist werden das problembehaftete Situationen sein. Es spricht vom Grundsatz her aber überhaupt nichts dagegen, stattdessen auch eine besonders positive Situation zu wählen. Indem man sich bewusst macht, was irgendwo konkret richtig gut läuft, bekommt man ebenfalls Handwerkszeug. Zum Beispiel für Fragen wie „Was/wie wäre es denn besser?“

Beschreibe die Situation so, dass ein Dritter sie deiner Meinung nach nachvollziehen kann. Achte dabei auf folgende Inhalte:

Was ist passiert? Wer war beteiligt? Wer/was hat zur Situation beigetragen? Welche Hintergrundfaktoren spielen eine Rolle?

Wenn du damit fertig bist, denk dich noch mal in die Situation hinein, erst mal persönlich. Stell dir Fragen wie:

Warum beschäftigt dich gerade diese Situation? Wie hast du dich in der Situation gefühlt? Wie hast du agiert/reagiert? Was hat diese Entscheidung beeinflusst? Welche Konsequenzen hatte dein Handeln?

Im dritten Schritt denkst du über Alternativen nach:

Welche anderen Optionen hättest du gehabt? Was wären die Konsequenzen dieser anderen Optionen gewesen?

Das kannst du erst mal „aus dem Bauch raus“ beantworten. Lupensuche

Sinnvoll ist es, sowohl dein Handeln als auch das der Alternativen mal zu überprüfen. Gerade dann, wenn du dir unsicher bist, sorgt diese Überprüfung im Rahmen der Reflexion auch für eine mögliche Veränderung.

Gibt es Richtlinien für eine solche Situation? Gesetzestexte? Ein Leitbild? Pflegestandards? Gibt es Unterschiede zwischen hausinternen Regeln und -externen? Hast du ein bestimmtes Wissen zu einer solchen Situation oder eine Idee, wo du nachsehen kannst (z.B. Kommunikationsmodelle)?

Nachdem du das auch alles mal durchgegangen bist, kannst du deine Reflexion abschließen:

Wie bewertest du die Situation nach deiner Reflexion? Was hast du aus der Reflexion gelernt? Wie würdest du mit der Situation im Nachhinein umgehen bzw. wenn sie erneut auftritt?

Volle Aufmerksamkeit!

Ich empfehle dir, eine Reflexion in dieser Form auf jeden Fall schriftlich festzuhalten. So gehen dir einerseits keine Gedanken und Schritte unterwegs verloren, und andererseits widmest du dich dem Thema automatisch fokussierter und intensiver. Zu guter letzt hast du damit auch was, das du dir später noch mal ansehen kannst, wo du noch mal nachlesen kannst, und wo du etwas hast, das dir in ähnlichen oder vielleicht auch anderen Situationen hilft.

Wie oft soll ich sowas machen?

Wenn du hier wirklich gründlich vorgehen willst, sodass auch irgendwas „hängen bleibt“ am Ende, würde ich dir empfehlen, dir alle 1-3 Monate eine Situation zu suchen, die du anhand der Fragen oben durchgehst.

Es geht ja nicht darum, alle erdenklichen Situationen in dieser Form zu reflektieren und akribisch zu durchleuchten, sondern vielmehr um eine Art Schulung und auch Sensibilisierung für bestimmte Dinge.

Wenn man gründlich vorgeht und zu verschiedenen Situationen noch das eine oder andere nachschlägt, ist das eine sehr lohnende, aber durchaus auch zeitintensive Angelegenheit. Also lieber weniger, dafür aber gründlicher. Dich hetzt ja niemand. 🙂

Und? Wie ist es?

Mich würde total interessieren, ob du sowas schon gemacht hast. Vielleicht macht man das mittlerweile vielleicht ja auch in der Ausbildung? Dann erzähl mir bitte davon!

Ich selbst habe das wirklich erst vor einem Jahr kennengelernt, und ich bin sehr angetan von dieser Art Reflexionen. Klar, darum gibt es ja nun auch diesen Artikel hier. 🙂

Für mich konnte ich schon nach der ersten so durchgeführten Reflexion sagen, dass mir das „was bringt“. Das mag ein bisschen verfälscht sein, weil aus unserer Studiengruppe jeder einzelne eine solche Reflexion durchgeführt und auch allen anderen vorgestellt hat, sodass ich selbst zwar nur eine Reflexion in ähnlicher Form wie angegeben durchgeführt habe, aber bei denen der anderen durch das Vorstellen und die anschließende Diskussion darüber irgendwie „mit dabei“ war.

So oder so habe ich für mich festgestellt, dass ich meine Wahrnehmung bzw. Beobachtung von Situationen sehr schnell verändert habe. Zum Positiven, wie ich finde.